Kanzeln in St. Thomä

Herr, tue meine Lippen auf . . .

dass mein Mund deinen Ruhm verkündige (Psalm 51,17). Wie oft mag dieser Satz als Bitte des Pastors vor einer Predigt von einer der Kanzeln in unserer Kirche Neu-St. Thomae zu hören gewesen sein? Die Kanzel ist ein wichtiger Ort in einer Kirche. Von hier aus wird der versammelten Gemeinde die Bibel ausgelegt und das Evangelium verkündigt. Von hier aus hat der Prediger auch einen guten Überblick auf seine Zuhörer und diese können ihn in der Regel auch gut sehen - und vor allem auch hören. Das gilt vor allem für Zeiten in denen die Kirche noch gut gefüllt ist.

In St. Thomae wird in der Regel vom Ambo, dem Lesepult, aus gepredigt. Der Prediger steht dabei nicht mehr zu sehr erhöht über der Gemeinde, er ist ihr näher. Nur bei Gottesdiensten an hohen Feiertagen wird die Kanzel noch benutzt. Wohl gemerkt, das gilt für unsere Kirche.

Im Laufe der Geschichte der ehemaligen Franziskanerkirche und seit dem die Thomae-Gemeinde sie in Besitz nahm, hat es mehrere Kanzeln gegeben. Im Inventarverzeichnis der ehemaligen Klosteranlage von 1812 wird eine Kanzel wie folgt erwähnt: „Kanzel in antikem antwerpschen Geschmack“. Diese ist nach der Auflösung des Klosters nach Wadersloh übertragen worden.

Als die Thomae-Gemeinde 1852 aus Alt-Thomae auszog nahm sie die dortige Kanzel mit. Sie wurde am südlichen Chorpfeiler aufgestellt und ging aber durch Bombenangriffe im 2. Weltkrieg verloren - wie viele andere Inventarstücke auch. Die Kanzel war aus kräftigem Eichenholz und stammte aus dem Jahr 1593. Sie zeichnete sich aus durch kunstvolle Einlegearbeiten am Sockel und an der Unterseite des Schalldeckels. In den Nischen der Kanzelbrüstung waren Brustbilder der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes gemalt, jeder mit einem Buch vor sich. Im aufgeschlagenen Buch des Evangelisten Markus ist zu lesen: Anno Domini 1593 – dazu der Name des Malers „ Matthias Knipping – Susaten“. Der Schalldeckel trug an sechs Seiten jeweils einen Bibelspruch, darunter auch den oben genannten.

Im Jahr 1957 war, im Zuge des Wiederaufbaus der stark zerstörten Kirche, der Chorraum als Gottesdienststätte für die Gemeinde wieder hergerichtet. Hier fand eine von Hugo Kükelhaus entworfene Kanzel ihren Platz. Sie war aus altem, schwerem Eichenholz gefertigt, ganz im Stil der Kükelhaus´schen Gestaltungs- und Einrichtungsphilosophie. Bis zum Jahr 1967 diente sie als „Predigtstuhl“. Dann wurde sie an die Lukaskirche in Lippstadt-Hörste weitergegeben. Vor einigen Jahren kam sie in die St. Thomae-Kirche zurück. Sie steht etwas abseits auf der Orgelbühne. Einen richtigen Platz hat sie in der Kirche noch nicht gefunden.

Nach der Wiederherstellung des ganzen Kirchraumes ließ sich die Gemeinde eine, dem großen Raum angemessene Kanzel, anfertigen. Damit wurde der Schreinermeister Piraks beauftragt. Den Entwurf lieferte der Architekt H. Fischer. Die viereinhalb Zentner schwere Rundkanzel aus Eichenbohlen steht an der nördlichen Chorsäule auf einem Naturseinsockel. Einziger Schmuck sind die klammernden „Schwalbenschwänze“ unter der von einem schmiedeisernen Ring gehaltenen Brüstungsbohle. Gestiftet wurde die Kanzel von der Frauenhilfe der Thomaegemeinde, die dafür 10 Jahre lang Spenden gesammelt hatte.

Damit der Prediger in der ganzen Kirche gut verstanden wurde, war über der Kanzel ein ellipsenförmiger gewölbter Schalldeckel angebracht. Am Reformationstag 1967 wurde das neue Einrichtungsstück geweiht und der damalige Gemeindepfarrer Hans Sprenger predigte von hier aus der sicher froh gestimmten Gemeinde, denn nun war das Gotteshaus um ein schmuckvolles Inventarstück reicher.

Der Schalldeckel ist vor einigen Jahren wieder entfernt worden, da die Predigten über eine Mikrophonanlage in den ganzen Kirchenraum übertragen werden.

Im Übrigen ist zu bemerken, dass in St. Thomae nicht „abgekanzelt“ wird, egal, ob der Prediger auf der Kanzel oder am Ambo steht. Gepredigt wird ganz im Sinne eines Bibelspruchs, der auch auf dem Schalldeckel der alten Thomae-Kanzel gestanden hat: Ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. (Matthäus-Evangelium Kapitel 10, Vers 20).